Experten-Interview mit Prof. Dr. Stephan Martin

Diabetes ist tückisch, die Dunkelziffer hoch. Wir haben Prof. Dr. Stephan Martin gefragt, warum das so ist und wie man einer Erkrankung vorbeugt.

Diabetes erkennen, behandeln und vorbeugen

Prof. Dr. Stephan Martin im Gespräch · medwerkHerr Prof. Dr. Martin, wie erkenne ich, dass ich Diabetes habe?

Die klassischen Symptome für einen Diabetes gelten nicht immer, sondern nur für Typ 1-Diabetes, den sogenannten Insulin-Mangel-Diabetes. Starker Durst, häufiges Wasser lassen und Gewichtsabnahme können Anzeichen für eine Erkrankung sein. Für Typ 2-Diabetes gilt das alles dagegen nicht. Das ist ja gerade das Tückische an der Erkrankung, dass sie häufig ohne Beschwerden verläuft weil der Betroffene nicht merkt, wie die Werte langsam ansteigen.

Tatsächlich hatte ich mal einen Kollegen, selbst Arzt, der gar nicht glauben konnte, dass er Diabetes hat. Auch bei ihm blieb die Erkrankung lange unentdeckt. Diabetes Typ 2 kann über viele Jahre unbemerkt bleiben. Schwere Komplikationen führen erst auf den zweiten Blick zur Diagnose Diabetes. Dazu gehören zum Beispiel Herzinfarkt, Schlaganfall oder Nierenerkrankungen. Impotenz kann auch eine Folge von Diabetes sein.

 

Wer sollte sich besonders Sorgen machen?

Alle, die übergewichtig sind. Der Body-Mass-Index (BMI) ist für die Normalbevölkerung eine zuverlässige Größe: Bei einem BMI von über 27 steigt das Risiko deutlich an, an Diabetes Typ 2 zu erkranken. Wenn das Bauchfett besonders ausgeprägt ist, z.B. beim Bierbauch, steigt das Risiko. Wer sich wenig bewegt, hat ein höheres Risiko zu erkranken. Bei Personen, die bereits an Bluthochdruck erkrankt sind, besteht ein besonders hohes Risiko, auch an Diabetes 2 zu erkranken. Ich empfehle allen Patienten, die unter Bluthochdruck leiden, Diabetes aktiv auszuschließen. Eine Fettleber ist ein Risiko-Faktor, genau wie hohe Triglycerid-Werte im Blut.

Wer Risiko-Faktoren bei sich feststellt, sollte unbedingt zu seinem Hausarzt gehen und sich auf Diabetes untersuchen lassen. Der Arzt wird den Blutzuckerwert bestimmen und eventuell auch einen Blutzuckerbelastungstest machen, um vollständige Sicherheit zu erhalten.

Wir können aus Experten-Sicht gar nicht oft genug darauf drängen, Diabetes zu überprüfen und zu behandeln, denn die Komplikationen und Spätfolgen sind erheblich.

 

Welche Folgen hat Diabetes, insbesondere ein nicht erkannter Diabetes?

Der Typ 1-Diabetiker muss mit Insulin leben. Das sind aber nur fünf bis zehn Prozent aller Erkrankten.

Bei beiden Formen von Diabetes werden die kleinen Gefäße geschädigt. Besonders bei denen, die den Diabetes, teils über Jahre, nicht bemerken treten schwere Folgeerkrankungen auf.

Es kann zur Nierenschädigung kommen, die im Extremfall bis zur Dialyse führt. Es kann zu Augenveränderungen kommen, die zunächst kaum spürbar sind, aber im Extremfall zur Erblindung führen. Ein großes Risiko ist der Herzinfarkt. Unsere Erfahrung zeigt, dass bei 50 Prozent der Herzinfarkte ein bekannter oder unbekannter Diabetes vorliegt. Statistische Untersuchungen belegen sogar, dass das Risiko, einen Herzinfarkt zu erleiden, für Typ 2-Diabetiker genauso stark erhöht ist, wie für jemanden der bereits den ersten Herzinfarkt hatte.

Das gilt übrigens für Männer und Frauen: Der Diabetes macht keinen Unterschied zwischen Männern und Frauen. Das Risiko beim Herzinfarkt ist gleich verteilt und dies gilt auch für den Schlaganfall.

Nervenerkrankungen sogenannte Neuropathien sind weitere Folgen von Diabetes. Die Patienten haben kein Gefühl mehr in den Beinen und Füßen, Taubheitsgefühle treten auf, in einigen Fällen zeigt sich die Neuropathie auch durch einschießende Schmerzen in der Nacht. Der Diabetes schädigt die Nerven und daraus entstehen Störungen und Schmerzen, die sich wie elektrische Schläge anfühlen können. Viele halten das für Durchblutungsstörungen, zu wenige denken bei diesen Beschwerden an Diabetes.

In jedem dieser Fälle ist eine genaue Kontrolle beim Arzt erforderlich.

 

An wen kann ich mich wenden, wenn ich Risiko-Faktoren für Diabetes erkenne?

Auf jeden Fall an den Hausarzt. Wichtig ist zunächst eine verlässliche Diagnose. Wenn Diabetes festgestellt wird, sollten Sie auf jeden Fall eine Schulung bekommen, die für Diabetiker angeboten wird und sich in ein Disease-Management-Programm (DMP) einschreiben lassen, in dem Diabetiker betreut und begleitet werden. Im Verlauf der Erkrankung muss regelmäßig der Langzeit-Blutzucker vom Arzt bestimmt werden und Komplikationen sollten kontinuierlich beobachtet werden.

 

Woran muss ich denken, wenn jemand in meiner Familie betroffen ist?

Wenn ein Angehöriger Diabetes Typ 2 hat, weiß man schon einmal, dass eine genetische Disposition vorliegt. Wer dann normalgewichtig ist und regelmäßig Sport treibt, reduziert sein Risiko. Dennoch muss er wachsam bleiben und alle Risikofaktoren im Auge behalten.

 

Kann ich Diabetes vorbeugen? Und wenn ja: Welche Empfehlungen geben Sie?

Prävention bedeutet, dass ich körperlich fit bin und kein Übergewicht habe. Die größten Risiken entstehen durch zu wenig Bewegung und durch Übergewicht.

Gerade habe ich einen Patienten vorgestellt, der eine beeindruckende Entwicklung genommen hat. Er ist vor acht Jahren an Diabetes Typ 2 erkrankt. Nach seiner Diagnose haben wir ihn in einem Programm des VKKD-Verbunds unterstützt. Er hat Diät gemacht, anfangs mit einem Abnehm-Produkt, dann hat er seine Ernährung umgestellt. Er hat bewusst gelebt, sich viel bewegt und in der Folge 30 Kilo Gewicht verloren. 30 Kilo! Heute zeigt der Blutzucker-Belastungstest, dass er keinen Diabetes mehr hat. Dazu ist viel Konsequenz nötig, aber es ist möglich die Erkrankung zu überwinden.

 

Über die Tücken von Diabetes ÷ medwerk

 

Worauf führen Sie diesen Erfolg zurück?

Der Patient hat seine Erkrankung selbst in die Hand genommen. Natürlich hat er Ratschläge für das Diätprogramm erhalten und nach und nach seine Ernährung optimiert. Er hat weniger Kohlenhydrate zu sich genommen und mehr Proteine, er hat sich viel mehr bewegt als zuvor und ein telemedizinisches Programm absolviert, in dem seine Daten automatisch erfasst werden. Die ärztliche Begleitung und das Coaching durch Berater und Begleiter spielen auch eine wichtige Rolle.

 

Haben Sie eine Empfehlung, die für alle gilt?

Wer Risiken hat, sollte sehr regelmäßig kontrollieren, ob er einen Diabetes hat. Volles Rohr fahren: Je früher man einen Diabetes Typ 2 erkennt, desto größer ist die Chance, in eine Diabetes-Remission zu kommen und sich selbst zu heilen.

 

Vielen Dank, Herr Prof. Dr. Martin für das Gespräch!

 

 

 

 

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